DIE LETZTE PERFORMANCE

* Belinda Sallin, Regisseurin

Immer wieder haben mich Leute, die den Film gesehen haben, auf Hansruedi Gigers Gebrechlichkeit und auf sein Alter angesprochen. Darunter auch ein paar, die sich erschrocken darüber geäussert haben.

Natürlich habe ich mir während der Dreharbeiten dazu Gedanken gemacht. Allerdings eher darüber, wie wir die Dreharbeiten gestalten, so dass es für Hansruedi am angenehmsten ist. Und natürlich: Zu jedem Zeitpunkt wollten wir Würde bewahren. Ich bin sicher, dass uns das gelungen ist. Aber erst jetzt, glaube ich, habe ich Hansruedis Haltung dazu ganz verstanden. Erst jetzt mit Distanz zu den Dreharbeiten und nach Reaktionen des Kinopublikums.

Was für eine Provokation! Einmal mehr! Schon als kleiner Junge, in einem Alter, wo sich andere Kinder an ihre Teddybären schmiegen,  zog er mit einem Totenschädel an der Schnur durch die Gassen Churs. Eine erste Performance mit 6 Jahren, wie Till Rippmann von VICE (Artikel - absolut lesenswert!) schreibt. Und dann, fast 70 Jahre später: Er zeigt sich in seiner Gebrechlichkeit, er wagt es, sich nicht zurück zu ziehen, er spricht in Gegenwart einer Kamera, auch wenn es ihm nicht mehr leicht fällt.

Welche Provokation in unserer Gesellschaft, die von fixen Vorstellungen und Normen, von Jugend- Schönheits- und Fitnesswahn durchdrungen und beherrscht ist. Alter und Gebrechlichkeit werden zu den grössten Tabus. Schon immer hat HR Giger an diesen Tabus gerüttelt, sie x-fach gezeichnet, gemalt, modelliert.

Es wäre mir während der Dreharbeiten nie in den Sinn gekommen. Aber Hansruedi Gigers Auftritt in diesem Film gerät für manche Leute nochmals zur Provokation. Einfach weil er sich auf seinem letzten Lebensabschnitt nicht mit Unsichtbarkeit begnügt, sondern sich gut sichtbar in den ewigen Zyklus von Geburt, Leben und Tod eingliedert. Er wird Teil seines Werkes. Seine letzte Performance!  

HR Giger, 1940

HR Giger, 1992

HR Giger, 2014

HR Giger, 1959 in Wien

HR Giger, 1976

HR Giger, 2003

DIE RABEN

* Belinda Sallin, Regisseurin

Vor gut einer Woche war ich für ein Interview wieder einmal in Greyerz, im Museum HR Giger. Ja, es stimmt, es ist abgelegen. Gut 2 1/2 Stunden Zugfahrt von Zürich aus. Aber es lohnt sich, die Kulisse ist phantastisch, der Moléson thront wunderbar über der ganzen Szenerie. Und wenn man weiss, dass Hansruedi Giger schon als kleiner Junge gerne Schlossherr gewesen wäre, hat es wohl seine Richtigkeit, dass er sein Museum dort, im Château St. Germain, eingerichtet hat.

Kinderzeichnung von HR Giger, 1949

Immer wenn ich in Greyerz bin, begleitet mich eine Schar Raben. Bestimmt nisten sie  schon seit Generationen dort. Sie sind nicht zu übersehen und auch nicht zu überhören diese Tiere, die zu den intelligentesten überhaupt gehören, wie die Forscher sagen. Letzten Mai, als ich zur Beerdigung von Hansruedi in Greyerz war, schienen sie mir noch lauter als sonst. Es war, als ob sie ihren Schlossherrn persönlich verabschieden wollten. Sie kreisten ob den Köpfen der Trauernden und kreischten um die Wette. Kaum war der Sarg in der Erde, zerriss ein unglaublich wuchtiger Donner die traurige Ruhe, die auf dem Friedhof lag und es begann in Strömen zu regnen. Die Raben schienen zufrieden und wurden still. Ich weiss, das liest sich wie ein schlechtes Drehbuch. Aber es gibt Vorkommnisse, die würde man sich nicht trauen zu erfinden. Dieses gehört dazu.

Ich wurde in letzter Zeit immer wieder mal gefragt, ob wir unser Konzept, unsere Dramaturgie für den Film nach dem Tod von Hansruedi verändert hätten. Nein, das haben wir nicht. Aber mindestens eine Szene, die wir eigentlich nicht verwenden wollten, haben wir danach wiedererwogen und schlussendlich in den Film eingebaut. Jene Szene nämlich, wo Carmen Giger, die Ehefrau von Hansruedi, erklärt, weshalb oberhalb der Türe, die zu Hansruedis Stube führt, ein Rabe wacht. Seither mutieren die Raben zu meinen Lieblingstieren.

Der Rabe oberhalb der Stubentüre von Hansruedis Stube

Sicht auf die Freiburger Berge vom Château St.Germain aus

Welturaufführung in Zürich am ZFF

* Belinda Sallin, Regisseurin

Es hat etwas Unwirkliches, in einem Saal mit über 400 Menschen zu sitzen, fast alle zu kennen und einen Film zu zeigen, der bis dahin nur mir und all denen, die daran mitgearbeitet haben, gehört hat. Meine Nervosität war grenzenlos. Ich hätte am liebsten mein Ticket verschenkt und wäre nach Hause gegangen.

Zum Glück bin ich geblieben. Die schönen und positiven Reaktionen nach der Vorstellung waren überwältigend. Und es waren viele kurze Begegnungen darunter, die mich sehr gerührt haben. So zum Beispiel jene mit einem älteren Herrn, den ich noch nie gesehen habe und der sich mir in unverkennbarem Bündnerdialekt mit den Worten vorgestellt hat: "Ich bin mit Hansruedi zur Schule gegangen". Mit Tränen in den Augen hat er sich bei mir für den Film bedankt. Was will man mehr.

Die Dankesworte, die ich nach der Vorstellung ausgesprochen habe, sind mir wirklich ein Herzensanliegen.

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Zürich!

* Belinda Sallin, Regisseurin

Ganze 52 Jahre hat Hansruedi Giger in Zürich gewohnt! Ohne Unterbruch. Mit 22 Jahren kam der junge Giger aus Chur (GR) in die Limmatstadt und ist geblieben. 1970 zog er nach Zürich-Oerlikon, wo er über 40 Jahre im selben Haus wohnte, bis er starb.

Er hätte in Paris leben können, in Tokyo, in London, in New York in Los Angeles. Aber nein, er liebte die Schweiz, er liebte sein Haus in Oerlikon, er liebte seine Familie hier, seine Freunde, seine Katzen. Ich glaube, es wäre ihm nicht im Traum eingefallen wegzuziehen.

Es ist kein Geheimnis, dass sich Giger in Zürich eine grosse Einzelausstellung gewünscht hätte. Mit Ausnahme einer kleinen Ausstellung im Foyer des Kunsthauses im Jahre 1977 sollte es aber nie dazu kommen. Vielleicht war Giger mit seinen Tabubrüchen den zugeknöpften Zwinglianern zu provokant. Vielleicht war er zu berühmt, seit er 1980 den Oscar gewonnen hatte. Vielleicht wurde ihm im Ausland zu viel Ehre zuteil, 2004 zum Beispiel erhielt Hansruedi „La Médaille de la Ville de Paris“, die Ehrenmedaille von Paris. Vielleicht war seine Umsetzung des phantastischen Surrealismus einfach schwierig zu kategorisieren. So entzweit sich das Zürcher Kunstestablishment bis heute an der Frage, ob Giger nun Kunst ist oder nicht.

Als ich Hansruedi zweieinhalb Jahre vor seinem Tod kennenlernte, hatte ich den Eindruck, dass diese Diskussion für ihn persönlich schon keine grosse Rolle mehr spielte. Ich hörte keine Bitterkeit in seiner Stimme, als er mir sagte „die stellen mich hier nicht aus“. Vielleicht rührte diese Gelassenheit aus seiner Gewissheit, dass er auch ohne Zürich auf der ganzen Welt viele Erfolge feiern konnte. Wer braucht schon eine Ausstellung in Zürich, wenn er mit seiner Kunst auf der ganzen Welt bereits unzählige Menschen erreicht hat?

Das alles ging mir durch den Kopf, als ich zusammen mit Produzent Marcel Hoehn überlegte, ob wir den Film beim Zürich Film Festival ZFF einreichen wollten. Die Uraufführung ausgerechnet in Zürich?

Wir haben nicht lange überlegt. Natürlich musste die Uraufführung unbedingt in Zürich stattfinden! Zürich war Hansruedis Stadt. Auch wenn er hier weder Medaillen für seine Verdienste noch Unterstützung für seine Projekte bekommen hatte. Und Ausstellungen schon gar keine. Zürich war die Stadt seiner Wahl. Ich glaube, Hansruedi hätte sich keinen anderen Ort für die Première dieses Films gewünscht.

Und ich freue mich sehr darüber, dass wir am ZFF starten können!

Ehrlicherweise muss ich hier noch hinzufügen, dass Hansruedi in den letzten Jahren nicht mehr gerne auf Reisen war und auch deshalb ganz froh gewesen wäre, wenn er für die Première nicht hätte reisen müssen. Zudem liess er seine Katzen  „Nönneli" und "Müggi I - III“ nie gerne alleine. Das war schon so, als er 1978 für einige Monate in den Londoner Shepperton Studios am Film "Alien" arbeitete. Es hat mich sehr gerührt, als mir Hansruedi erzählte, wie er sich da um seine Katzen sorgte. Aber das ist eine andere Geschichte und ein anderer Blogeintrag

HRG auf dem Balkon des Château Marmont in LA,
kurz vor der Oscarverleihung

HRG mit Oscar, 1980

HRG und Debbie Harry nach der Oscarverleihung
in der Hansen Gallerie in New York, 1980

HRG bei der Verleihung der Ehrenmedaille von Paris, 2004

HRG vor dem Kunsthaus Zürich, 1977

Ausstellung im Foyer des Kunsthauses  Zürich, 1977

HRG und Mia Bonzanigo auf dem Weg zur Oscarverleihung

HRG und Farah Fawcett bei der Oscarverleihung, 1980

DARKSTAR - HR GIGERS WELT

* Birgit Munsch-Klein, Schnitt

Letzte Woche war ich für ein Seminar in Berlin. Auf die Frage einer Teilnehmerin, was ich mache, erzählte ich von meinem Schnitt von DARK STAR. Da mein Gegenüber HR Giger nicht kannte, begann ich mit einer kurzen, lebendigen Beschreibung. Es hatte sich eine Schweizerin dazu gesellt und sie meinte am Schluss mit eindringlichem Blick: „Ja, aber du musst schon erzählen, was für Bilder es sind.“ Ich war etwas ratlos und fragte nochmal nach. „Ja, mit Gewalt,“ meinte sie. Ich habe dann eine Weile gebraucht, um alles, was ich während meiner Arbeit am Film über HR Giger erfahren habe, zur Seite zu stellen und mich zu erinnern, wie ich vorher über seine Kunst gedacht hatte. Das half und ich fragte sie: „Meinst du so Richtung Sadomaso?“

Nun, so ist es nicht, finde ich. Gewalt aus der realen Welt hingegen, ja, das ist ein Thema in seinen Bildern. Gewalt aus äusseren und inneren Realitäten ja, aber keine in der Art, die sich selber zelebriert oder selber kreiert.

Beim Schneiden habe ich auch nach diesen Bildern gesucht, die diese Vorurteile treffen. Nicht nur was die Gewalt betrifft, sondern auch solche mit der Art von Sexualität, die die einen begeistert und die anderen abstösst. Es gibt sie: tolle Bilder und auch starke, die einem nicht einfach gefallen, die einen fordern. In der Art, wie es sich manche in ihrer Phantasie vorstellen, gibt es sie nicht.

Auf der Suche aber, vergrösserte sich die Anzahl der Bilder von HR Giger, die mich faszinieren unaufhaltsam. Mit jedem neuen Blick in sein Werk, mit jedem neuen Einblick durch das, was die Protagonisten und Protagonistinnen erzählen, fand ich: „Das ist so stark, das muss auch noch rein in den Film! “ Und tatsächlich, mehr Bilder als gedacht, haben ihren Platz gefunden.

Nun ist auch die Seminarteilnehmerin neugierig geworden.

Englisch

* Belinda Sallin, Regisseurin
 

Es ist fast auf den Tag genau ein Jahr her, dass wir mit unseren Dreharbeiten in Zürich-Oerlikon begonnen hatten. Im Herbst 2012 hatten wir bereits einen kleinen Dreh, um den Teaser zu realisieren, den wir unseren diversen Finanzierungsgesuchen beilegten. Und im Juni 2013 drehten wir einen Tag im Museum HR Giger im Rahmen des 15-jährigen Jubiläums. Aber der eigentliche Drehstart war der 2. September 2013. Und dies auch nur, weil die Ereignisse drängten. Die Finanzierung für den Film war noch nicht abgeschlossen, aber am
4. September reiste Hansruedi nach Linz ans Ars Electronica Festival, wo er als Featured Artist gefeiert wurde und im Kunstmuseum Lentos eine grössere Ausstellung hatte. Es war diese "jetzt-oder-nie-Situation", ich war mir nicht sicher, ob Hansruedi noch viele solche Ausstellungen besuchen würde. Ich bin Produzent Marcel Hoehn sehr dankbar, dass er trotz unsicherer finanzieller Lage einverstanden war, dass wir loslegten.

Ich weiss noch gut, wie ich mir doch etwas Sorgen machte, als ich Hansruedi am Nachmittag des 2. Septembers 2013 traf. Ich hatte den Eindruck, dass sich sein Gesundheitszustand verschlechtert hatte, und dass er müder wirkte, als das letzte Mal, als ich ihn gesehen hatte.

Ich wusste gleich, dass ich mir nochmals ein paar Gedanken zu meiner Vorgehensweise machen musste. Ich würde mit meinem Hauptprotagonisten wahrscheinlich nicht mehr diese langen, ausführlichen Interviews machen können, wie ich es gerne tue.

Es war der Humor und die Selbstironie von Hansruedi, die meine Bedenken linderten. Lakonisch meinte er dazu: "Mit Reden alleine wäre ich sowieso nicht weit gekommen." Ausserdem wusste ich, dass er ganz und gar nicht gern über seine Werke sprach. Weshalb also sollte ich ihn mit langen Interviews plagen? Weshalb sollte er ausgerechnet jetzt lange Reden schwingen?

Ich glaube, Hansruedi war erleichtert, als er merkte, dass ich von meinen geplanten Interviews und meiner üblichen Vorgehensweise bei Dreharbeiten Abstand nahm. Er hat es mir mit Vertrauen und Offenheit vergolten. Wir führten zwar keine langen Gespräche, aber wir haben uns gut verstanden. Wir machten nicht so viele Interviews, dafür drehten wir viele Stunden und Tage (oder eher Nächte) bei Hansruedi und Carmen im Haus und Garten, wo uns die beiden mit viel Vertrauen gewähren liessen.

Schliesslich gab es bei unseren kurzen Gesprächen immer auch etwas zu lachen. Zum Beispiel, wenn Hansruedi über seine Fremdsprachenkenntnisse sprach.

HR Giger Dezember 2011, © Christian Schwarz

Keine Klischees

* Belinda Sallin, Regisseurin


Wieder einmal ist mir bewusst geworden, welch unglaublich grosse Projektionsfläche Hansruedi Giger war. Während der Endmischung hatten wir Besuch von Marcel Hoehn, dem Produzenten des Films. Marcel hat zur Visionierung noch jemanden mitgebracht, der unter anderem erzählte, dass er das erste Mal als Kind von seinen Eltern etwas über HR Giger gehört hätte.  Es war nichts Gutes. Giger sei satanisch, sagten die streng religiösen Eltern.

Auch das hätten interessante Filme werden können: HR Giger im Spiegel seiner Zeitgenossen oder Die Rezeption der Kunst HR Gigers in den 70er Jahren oder Religiöse Symbole bei HR Giger und so weiter und so fort. Es wäre gut möglich gewesen, Dutzende von ehemaligen Weggefährten aber auch von Kritikern zu interviewen. Ich hätte Pro- und Contrastimmen einholen können.

Ich habe mich für einen anderen Ansatz entschieden. Ich wollte einen persönlicheren Film machen. Nicht das zeigen, was man im Internet und in zahlreichen Zeitungsartikeln oder TV-Reportagen nachlesen bzw. -schauen kann. So habe ich mich für Protagonistinnen und Protagonisten entschieden, die zur Zeit der Recherchen bzw. Dreharbeiten einen engen Kontakt (in den meisten Fällen jedenfalls) zu Hansruedi pflegten, seine Familie im Wesentlichen. Ich wollte die Welt von HR Giger sozusagen von innen heraus zeigen und so unvoreingenommen wie möglich auf ihn und seine Umgebung blicken. Bei einem solchen Ansatz bleiben Anklagen, Vorurteile und Klischees aussen vor.

Kann sein, dass nun der eine oder andere mit seinen vorgefassten Bildern ins Leere läuft. Das werde ich wohl in Kauf nehmen müssen.

Satanisch?
HR Giger, Dezember 2011  © Christian Schwarz

HR Giger, Dezember 2011  © Christian Schwarz

Kinosound

* Belinda Sallin, Regisseurin

Wir sind in der Endmischung. Musik, Sounddesign, Tonschnitt. Endlich kommt alles zusammen. Ich weiss, ich habs schon mal geschrieben aber ich schreibs nochmal: Diesen Film müsst ihr hören.
Zugegeben, die beigefügten Fotos sehen nicht über alle Zweifel erhaben aus und die abgebildeten Menschen darauf eventuell etwas müde. Laura hat darauf bestanden, dass ich hinschreibe, dass es 2 Uhr morgens ist!

Laura Endres, Tonschnitt; Renzo d'Alberto, Mischung; Peter Bräker, Sounddesign

D'Alberto, Bräker, Endres

Laura Endres, Tonschnitt; Renzo d'Alberto, Mischung; Peter Bräker, Sounddesign

Das Haus, es lebt!

* Belinda Sallin, Regisseurin


Erst wenn die Geräusche, die Atmosphäre , der Grundton eines Ortes stimmen, werden die Bilder richtig plastisch. Ist mir wieder mal bewusst geworden, als ich heute bei Peter Bräker im Atelier war.

Schon das erste mal als ich HR Gigers Haus betrat, hatte ich das Gefühl, dass dieses Haus (eigentlich sind es drei aneinandergereihte) ein Eigenleben hat. Es ist ein eigener Mikrokosmos. Peter holt dieses Leben mit den Geräuschen, so wie ich sie vor Ort gehört oder gespürt habe, nun in den Film. Cool.

Ein kleiner Teil von Peter Bräkers Atelier

Peter Bräker macht Foleys

Sounddesigner Peter Bräker

Peter Bräker, Sounddesign; Laura Endres, Tonschnitt und Peter Scherer, Komponist

FILMMUSIK!

* Belinda Sallin, Regisseurin

Der Soundtrack ist langsam komplett. Noch einmal öffnen sich mir neue Zugänge zu HR Gigers Werk. Es ist die Musik von Peter Scherer, die meinen Blickwinkel nochmals etwas verschiebt, den Fokus manchmal leicht verändert. Es ist beeindruckend zu hören, wie kunstvoll Peter unsere Gespräche über HR , über seine Kunst und sein Umfeld in Themata, Melodien, Rhythmen, Klänge verwandelt hat. Liebe Leute, diesen Film müsst ihr hören! 

Schlagzeug-Aufnahmen im influx-studio in Bern

Schlagzeuger Rico Baumann

Komponist Peter Scherer

Umgang mit Traumata und nichts ist umsonst

* Birgit Munsch-Klein, Schnitt

Belinda und ich waren schon einen Monat am Schneiden, als, wie geplant, noch Drehtermine angesetzt waren, da noch einiges fehlte. Nicht nur wegen HRGs Gesundheitszustand, seine Welt hatte, wie Belinda sagte, einen anderen Rhythmus. Und der liess sich nicht beschleunigen. Szenen zu schneiden, bei denen du nicht weisst, was noch kommt, ist nicht ganz einfach.

Als wir das unglaublich vielfältige Material, das sie gedreht hatten, anschauten, hat mich als erstes etwas vollkommen fasziniert: HR Gigers Umgang mit seinen Traumata. Meine eigenen Blicke nach innen, mit zum Teil erschreckenden Gefühlen, sind mir vertraut. Dass HRG das Traumatische in sein Werk intergrierte und er einmal sagte: “Ich schaue erst, was in mir ist und dann schaue ich, was ausserhalb von mir, was im Universum ist”, finde ich stark.

Die grosse Herausforderung für uns war die Verwebung von dem, was Belinda als HRGs Familie, ein wichtiger Teil seiner Welt sah, in seine eigenen Erzählungen und in das reiche Werk. Wir haben immer wieder neue Aufbauten ausprobiert, die neue Schnittfolgen bedeuteten. Wir haben Inhalte komplett verschoben und versucht, eine innere Matrix entstehen zu lassen. Oft, wenn wir etwas zurückholten, was wir schon mehrmals verworfen hatten, schauten wir uns an und wussten, unsere Versuche zuvor waren nicht umsonst gewesen, sondern ein Teil des Prozesses.

Für uns beide ist es zu jeder Zeit eine grosse Reise - die Reise in HR Gigers Welt.

Birgit Munsch-Klein am Schnitt

Jazz

* Belinda Sallin, Regisseurin
 

Heute hat mich wieder mal die Wehmut gepackt.  Ich war eben bei Peter Scherer, der die Musik für den Film komponiert. Bereits als wir mit unserer Zusammenarbeit anfingen, habe ich Peter erzählt, dass Hansruedi ein grosser Jazzfan war. Oscar Peterson, zum Beispiel, war einer seiner ersten grossen Helden, den Hansruedi schon in seiner Jugendzeit in Chur gehört hatte. Seine Affinität zum Jazz ist geblieben, auch wenn er in seiner Karriere mit  verschiedenen Musikern aus anderen Stilrichtungen zusammen gearbeitet hat. Diesen Hinweis, den ich Peter Scherer seinerzeit gegeben habe, klingt jetzt in seiner Komposition auf eine ganz wunderbare Art immer wieder an. Ich war so versunken im Zuhören, dass ich für kurze Zeit dachte, diese Musik wird Hansruedi gefallen! Um im selben Moment zu realisieren, dass er sie nie hören wird.

HRG am Klavier um 1960

HRG ganz der Jazzer um 1960

HRG mit Klarinette um 1960

Müggi, Müggi!

* Belinda Sallin, Regisseurin

Ich habe keine Ahnung, weshalb es einen "Katzen-Welttag" gibt. Aber ich habe eben gelesen, dass dieser heute stattfindet. Genau der richtige Zeitpunkt also, um eine ganz besondere Katze zu würdigen: Müggi III.
Als mich mal jemand fragte: Was macht dir eigentlich am meisten Angst bei HR Giger zu Hause, war für mich die Antwort klar: Müggi! Müggi ist unberechenbar. Wenn ich mich mit Müggi im selben Raum aufhalte, lasse ich sie nur ungern aus den Augen. Nicht dass ich sie nicht mögen würde. Im Gegenteil, ich respektiere sie sehr. Aber mehr als einmal hat sie mich ziemlich erschreckt. Gerne schlägt sie den Besucherinnen und Besuchern ihre Krallen in die Oberschenkel oder macht es sich auf diversen Schultern bequem. Ganz sicher meint sie es nicht böse. Vielleicht sind es ihre Raubtiergene, die ab und an mit ihr durchgehen. Vielleicht sucht sie Aufmerksamkeit (wobei ich nie das Gefühl hatte, dass sie das nötig hätte) oder vielleicht zeigt sie gerne, dass sie der Herr (Müggi ist ein Kater) im Haus ist. Wie auch immer: Hansruedi liebte seinen Müggi III und die Vorgänger Müggi I und II über alles. Davon zeugen viele Fotos, gerne posierte er mit seinen Katzen oder hat sie gefilmt.

Hansruedi filmt Müggi II, wahrscheinlich etwa im Jahr 1998

Feuerwerk

* Belinda Sallin, Regisseurin

Wer Hansruedi gekannt hat, weiss, dass er Feuerwerke über alles liebte. So freute er sich jedes Jahr auf Sylvester und auf den Nationalfeiertag der Schweiz, den 1. August. Wann immer möglich, liess er ein paar Raketen knallen.

Unveröffentlichtes Material des verstorbenen Kameramannes Stephan Stucki, gefilmt vermutlich im August 1998

Ja, da sind Farben

* Belinda Sallin, Regisseurin

Endlich bekommen die Filmbilder die Farben, die sie haben sollen. Colorist Roger Sommer (gen. Somm) ist mit viel Gespür unterwegs. Mein erstes Treffen mit Somm, nämlich fürs Grading des Teasers im Herbst 2012, war, gelinde gesagt, überraschend: Ich bin kaum dazu gekommen, ihn zu fragen, ob er sich unter HR Giger etwas vorstellen könne, zeigte er mir schon sein Alien-Tattoo auf seinem Unterarm. Da treffe ich also auf genau DEN Coloristen auf dieser Welt mit einem Giger auf der Haut. Das kann ja wohl kein Zufall sein.

Keine Frage, dass Somm sämtliche Register seines Könnens zieht. Und wer jetzt meint, die Werke von HR Giger seien einfach nur dunkel und schwarz, täuscht sich gewaltig!  Ja, da sind Farben in HR Gigers Werk! Und zwar viele verschiedene mit unzähligen Nuancen. So richtig bewusst wurde mir dies, als ich mir während der Recherchen zum Film die Zeit nahm, die Werke von Hansruedi eingehend zu betrachten. Schnell war mir klar, dass es wichtig ist, die Bilder - zum Beispiel im Museum HR Giger - sorgfältig  zu filmen. Nur so können wir sie auf die Kinoleinwand bringen, wie ich es mir vorstelle. Dass nun die Farben beim Colorgrading so hervortreten, wie ich mir das gewünscht habe, freut mich sehr.

Colorist Roger Sommer

Colorist Roger Sommer

Dreh im Museum HR Giger, Nov. 2013

Die Anfrage

* Birgit Munsch-Klein, Schnitt

Als mich Belinda Sallin anrief und fragte, ob ich mit ihr einen Kinofilm über HR Giger schneiden wolle, freute ich mich und zögerte gleichzeitig. Da ich selber eine Atelierphase in dieser Zeit eingeplant hatte, wollte ich mir sehr sicher sein, dass HR Giger immer noch  aktuell und eine Begegnung mit ihm von Bedeutung ist. Belinda erzählte mir von dem Film, den sie machen wolle und von der Ausstellung in Linz, die gerade noch ein paar Tage lief. Als ich die Bilder von HRG auf der Homepage des Museums Lentos sah, war mir sofort klar: er ist aktuell, er ist ein Thema, ich will mehr davon sehen und das will ich schneiden.

Es war nur ein Bild, doch schon in diesem einen Bild sah ich etwas anderes als das, was ich von HRG kannte. Es war hell und von bizarrer, kraftvoller, absolut eigener Schönheit. Meine Neugierde war da.

Wem auch immer ich von dieser Arbeit erzählte, alle hatten irgendeine eigene kleine Geschichte zu HR Giger. Gleichzeitig spürte ich aber bei fast allen immer eine Art Barriere zu seinem Werk, eine Barriere, die dem Werk im Weg zu stehen schien. Das wollten wir verändern. Wir wollten einen Film machen, der HRG als Menschen und als Künstler radikal anders zeigt, und so die Sicht auf sein Werk freilegen. Alle unsere Kraft war darauf ausgerichtet, als uns die Nachricht von seinem Tod erschütterte.

Wir waren geschockt. Belinda und ich hatten schon Monate am Film geschnitten und in dieser Zeit kam mir HRG immer näher, so als wäre ich ihm schon oft begegnet. Unsere Trauer über seinen Tod und dass HR Giger, unser wichtigster Zuschauer, fehlen würde, lähmte uns. Und es quälte mich zu sehen, dass im Zuge der Medienberichterstattung nun immer und immer wieder die alten reduzierten Sichtweisen auf sein Werk repetiert wurden. Die Barrieren wurden neu manifestiert. Aber wir wussten, wir haben da etwas anderes!

Birgit Munsch-Klein am Schnitt

Birgit Munsch-Klein am Schnitt

Picture Lock

* Belinda Sallin, Regisseurin

Der Schnitt geht definitiv dem Ende zu. Was haben Birgit und ich zusammen gelitten, gelacht,  geweint und gejubelt. Welch eine Reise!

Am Anfang haben wir uns einfach über das tolle Material gefreut. Aber da wir auch Archivmaterial in unseren Film miteinbeziehen wollten, hatten wir eine riesige Menge an Bildern. Bald wich die Freude der Sorge. Wie schaffen wir das bloss, diese vielen verschiedenen Zeitebenen und Themenkreise in eine interessante Dramaturgie zu packen?

Birgit hatte die Idee, mit Printscreens an Tafeln zu arbeiten, um wenigstens halbwegs eine Übersicht zu haben. Der Schnittraum glich so ein bisschen einem Büro eines FBI-Agenten wie man es aus Filmen und TV-Serien kennt.  Das Büro jener Profiler, die einem Täter auf die Spur kommen möchten.

Irgendwie waren wir das ja auch: Profilerinnen, die den Protagonisten, seine Kunst, sein Umfeld verstehen wollten.

Als ich die Nachricht von Hansruedis Tod erhielt, waren wir wie gelähmt und tieftraurig. Wir wussten die ersten paar Tage kaum, wie wir weiter arbeiten sollten.  

Nach und nach fanden wir zu unserem Arbeits-Rhythmus zurück. Unsere Auseinandersetzungen mit Hansruedi, mit seiner Kunst und seinem Umfeld, waren nie leichtfertig. Wir wollten in die Tiefe gehen. Einen Giger zeigen, wie man ihn noch nicht gesehen hat. Fernab jeglicher Vorurteile. Wir haben uns immer sehr gefreut, wenn wir das Gefühl hatten, dass uns das gelang.

Ich hätte mir für diesen Film keine bessere Editorin wünschen können als Birgit.  Selber auch als Künstlerin, als Malerin und Fotografin tätig, brachte sie genau das richtige Gespür für diesen Film mit. Ich hatte oft das Gefühl, dass Birgit gar nicht schneidet, sondern vielmehr zusammenfügt. Keine Cutterin, eine Weberin.

1 von 3 Tafeln mit Printscreens

1 von 3 Tafeln mit Printscreens

Das 36. Bild

HR Giger, Mai 2014 © Hannes Schmid

* Belinda Sallin, Regisseurin

Zusammen mit Andreas Peyer besprechen Produzent Marcel Hoehn und ich die  Artwork fürs Filmplakat. Wieder betrachte ich die Fotos, die letzten Portraits von Hansruedi. Hannes Schmid hat phantastische Bilder gemacht. Sehr nah, sehr direkt, sehr authentisch. Dabei war an jenem Nachmittag vom 7. Mai gar nicht so klar, ob sich Hansruedi überhaupt fotografieren lassen mochte. Er fühlte sich nicht so gut und war ziemlich müde. Ausserdem waren die Lichtverhältnisse eher ungünstig, es regnete. Auch in der Küche des Hauses Nr.1, wo sonst etwas Licht durch das dichte Blätterwerk der Bäume durchs Fenster fällt, war es zappenduster. Aber schliesslich kam es so, wie so oft während der ganzen Dreharbeiten. Es hörte auf zu regnen, wir hatten etwas Licht in der Küche und: Hansruedi stellte sich für einen kurzen Moment zur Verfügung.  Ein bisschen noch die Haare gekämmt und fertig fürs Fotoshooting.

Dann konnte ich mich für einmal zurücklehnen und zusehen wie Hannes Schmid, selber ein Star, einer der ganz grossen der Fotografie,  wie er mit einer Leichtigkeit die tollen Bilder von Hansruedi schoss. Hannes hat diese Portraits ohne jegliche Hilfsmittel gemacht. Kein Licht aufgestellt, keinen Hintergrund bestimmt. Einfach nichts. Hansruedi sass genau da am Küchentisch, wo er auch sonst immer sass. Mit einer analogen Foto-Kamera - Hannes schwört auf die alte Schule - hatte er in kaum mehr als fünf Minuten 36 schwarz-weiss Aufnahmen im Kasten. Das eigenartige Surren des zurückspulenden Filmes war ein Geräusch, das aus einer anderen Zeit zu kommen schien. Dazu meinte Hannes nur lachend: „Das waren noch Zeiten. 36 Bilder, dann ist fertig.“ Nur wussten wir da noch nicht, dass Hannes ganz wörtlich Recht behalten sollte. Er machte das letzte, das 36. Bild von Hansruedi.

Kurz darauf zog sich Hansruedi zurück. Hat sich noch bei Hannes bedankt und wie immer nach unseren Dreharbeiten auch bei mir. Und ebenfalls wie immer – es war schon ein kleines Ritual zwischen uns – habe ich darauf geantwortet: „Ich danke dir, Hansruedi.“. Es war das letzte Mal, dass ich Hansruedi sah. Es war ein würdiger Abschluss für unsere Dreharbeiten und – wenn auch leider viel zu früh – ein schöner Abschied.

Die Nachricht

* Belinda Sallin, Regisseurin

Es ist nun auf den Tag genau zwei Monate her, dass ich den Anruf von Tom erhielt. „Ich rufe dich im Auftrag von Carmen an“, sagte er zur Begrüssung. Da ahnte ich schon, dass dies nichts Gutes verheisst. Carmen und ich hatten im Laufe der Dreharbeiten ein gutes Vertrauensverhältnis aufgebaut, weshalb sollte die Kommunikation jetzt plötzlich über Tom laufen? Und noch bevor er sagte: „Hansruedi ist heute Nachmittag gestorben“, habe ich es gewusst. Und wollte es doch nicht wahrhaben. Alles war doch eben noch in bester Ordnung. Wir hatten die Dreharbeiten abgeschlossen und waren Mitten im Schnitt.  Sicher, Hansruedi war seit geraumer Zeit schon gesundheitlich angeschlagen. Deshalb waren die Dreharbeiten für ihn und für uns nicht immer einfach gewesen. Aber gemeinsam hatten wir es schliesslich bis hierhin geschafft. Der Schock war gewaltig.

Als ich ein paar Wochen später eine Bekannte traf, die bis dahin nichts von meinem Filmprojekt gewusst hatte, meinte sie, ich sei im Zuge des Medienhypes nach Hansruedis Tod auf dieses Projekt aufgesprungen. Das hat mich irgendwie getroffen. Dieser Film ist nicht aufgrund eines Medienhypes entstanden. Er wurde sorgfältig und von langer Hand geplant.

So ist die Idee für diesen Blog entstanden. Zusammen mit anderen möchte ich über die Entstehung dieses Films berichten. Über die Dreharbeiten mit Hansruedi, mit seiner Familie und seinen Freunden und über die Arbeiten, die in den kommenden Wochen noch anstehen.

Noch immer kommt es mir unwirklich vor, dass Hansruedi nicht mehr unter uns weilt und manchmal vergesse ich es schlicht. Am Schnitt erlebe ich ihn jeden Tag sehr lebendig. Ich bin sehr dankbar, dass wir die Dreharbeiten gemeinsam abschliessen konnten. Sogar das Fotoshooting fürs Filmplakat konnten wir noch machen. Fünf Tage vor seinem Tod! Fast so als ob er für den Film noch alles richtig abschliessen wollte, bevor er ging.

HR Giger in der Gartentür. Dezember 2011 © Christian Schwarz

HR Giger in der Gartentür.
Dezember 2011 © Christian Schwarz

HR Giger neben der von ihm kreierten Büste seiner verstorbenen Freundin Li. Dezember 2011 © Christian Schwarz

HR Giger neben der von ihm kreierten Büste seiner verstorbenen Freundin Li.
Dezember 2011 © Christian Schwarz

HR Giger vor seinem Werk "Friedrich Kuhn II". Es zeigt seinen Freund, den er noch kurz vor dessen Tod fotografiert hat. Dezember 2011 © Christian Schwarz

HR Giger vor seinem Werk "Friedrich Kuhn II". Es zeigt seinen Freund, den er noch kurz vor dessen Tod fotografiert hat.
Dezember 2011 © Christian Schwarz